ICE L – Was du kannst, kann ich schon lange!

Der ICE L, die neue Generation des deutschen Fernverkehrs – Wie gut ist er? Was kann er? Und vor allem: Hat er Vorfahren mit Transrapid im Namen?

Der ICE L auf einer Testfahrt // Symbolbild: Raphael Krammer via Wikimedia Commons

Der ICE L soll ansprechend und gemütlich wirken. Dabei helfen ein eigener Kinder- und Kleinkinderbereich, neue Rollstuhlplätze und ein überarbeitetes Interieur-Design. Neue Displays und damit verbundene Fahrgastinformationen sollen dem Fahrgast ein Gefühl der Modernität der Bahn geben. Durch ein berührungsloses System auf den Toiletten soll Hygiene hergestellt werden.

Die Deutsche Bahn vermarktet den ICE L als komfortabel, modern und innovativ.

Wie innovativ, das soll schon am Namen erkennbar sein. Die Bezeichnung „L“ steht nicht für langsam, auch wenn der ICE L nur 230 km/h erreicht, sondern für „Low Floor“. Damit ist der ICE L der erste seiner Art mit einem stufenlosen Einstieg. Doch so revolutionär ist das gar nicht.

Transrapid, der Vorfahre des ICE

Wenn man den Transrapid mit dem ICE L vergleicht, wird schnell klar:

Was beim ICE L heute als bahnbrechend vorgestellt wird, war und ist beim Transrapid schon lange Alltag. Gerade mit den beiden modernsten Versionen SMT (Transrapid 08) und Transrapid 09 lässt sich der Zug gut vergleichen.

Die Höchstgeschwindigkeit vom ICE ist dabei tatsächlich nur eine Randnotiz, die der Transrapid natürlich um Längen schlägt. Bereits 2003 stellte der SMT mit 501 km/h einen Rekord auf, der selbst für das ICE-Testbett, den ICE S, 20 Jahre später noch ein Traum ist.

Der Hauptaspekt ist und bleibt aber der stufenlose Einstieg. Doch auch dieser war beim Transrapid möglich. Der Transrapid 09 besitzt sogar verbreiterte Türen, um den Einstieg für Rollstuhlfahrer oder Mütter mit Kinderwagen zu vereinfachen. Des Weiteren ist der Transrapid 80 Zentimeter breiter als der ICE L, somit sind im Transrapid auch die Gänge breiter, ohne dass der Sitzkomfort der Passagiere darunter leiden muss. Das ist im nur 2,9 m breiten ICE L natürlich schwer möglich.

Doch wer sein Vertrauen einmal der DB gegeben hat, der weiß, man wird schnell enttäuscht. So ist es auch mit dem ICE: Ein stufenloser Einstieg ist möglich, doch Passagiere, die beispielsweise durch einen überfüllten Zug gezwungen sind, im vorderen Bereich der 1. Klasse oder im hinteren Teil der 2. Klasse zu sitzen, müssen sich ironischerweise darauf einstellen, dass „Low Floor“ nicht überall Programm ist. Um zu diesen Bereichen zu gelangen, muss man nämlich jeweils eine Treppe nehmen. Ein kompletter „Low Floor“ ist aufgrund der (Antriebs-)Technik eines Zuges unmöglich, da die Technik für den Antrieb, anders als beim Transrapid, im Fahrzeug und nicht im Fahrweg liegt.

Sitzplatztechnisch ist dieses Szenario gar nicht mal so unwahrscheinlich. Der ICE L bietet mit einer Mehrsystemlok und 17 Wagen Platz für 562 Sitzplätze. Ein ICE hat im Durchschnitt ca. 725 Sitzplätze. Da kann der „L“ nicht mithalten. Auch im Vergleich mit dem Transrapid hinkt er. Der SMT besitzt im Regelbetrieb 5 Sektionen (2 Endsektionen & 3 Mittelsektionen), mit denen er auf 464 Sitzplätze kommt. Der Transrapid 09 kommt mit nur 3 Sektionen sogar auf insgesamt bis zu 449 Plätze*. Des Weiteren kann der Transrapid quasi unendlich verlängert werden, realistisch sind bis zu 10 Mittelsektionen.

Die Fahrzeuge im Direktvergleich

 

ICE L (Mehrsystemlok & 17 Waggons)

ICE (Durchschnitt)

Transrapid 09 (3 Sektionen)

SMT (5 Sektionen)

(Sitz-)plätze

562

725

449 (maximal)

464

Auslegegeschwindigkeit

230km/h

280km/h

505km/h

505km/h

Stufenlos

Ja (bis auf die Endwagen).

Nein

Ja

Ja

Fazit

Der ICE L ist eine gute Ergänzung und Erweiterung der Bahn in Richtung Modernität. Trotzdem ist er lange nicht perfekt und kann dem Transrapid im Direktvergleich nicht das Wasser reichen. Der Transrapid siegt in Punkten Geschwindigkeit, Platzanzahl und Barrierefreiheit enorm. Gerade letztere, welche eigentlich das ausschlaggebende Argument für den neuen ICE L sein soll, schwächelt enorm. Der Transrapid ist breiter und durchgehend ebenerdig, womit nicht nur der Einstieg, sondern das gesamte Fahrzeug barrierefrei ist.

Wir sind uns also sicher: Auch wenn der ICE L ein wichtiger Schritt ist, wird auch er langfristig keine Chance gegen alternative Verkehrsmittel wie den Transrapid haben.

* Da der Transrapid 09 für die Kurzstrecke entwickelt wurde, sind die meisten dieser Plätze jedoch Stehplätze.